[klaˈsɪsmʊs] im Jazz
Was ist überhaupt Klassismus im Jazz
Klassismus* innerhalb der deutschen Jazz- und Improvisationsmusikszene äußert sich in Diskriminierung gegenüber Menschen aus der Arbeiter*innenklasse. Dies passiert nicht durch Vorurteile, sondern durch strukturelle und finanzielle Benachteiligung der Betroffenen. Auch die Normalisierung nicht offen gelebter Klassenprivilegien sowie die Aneignung und Instrumentalisierung von Erfahrungen der Arbeiter*innenklasse durch andere Akteur*innen innerhalb der Szene zählen dazu. Klassismus ist ebenfalls eine verinnerlichte Form der Diskriminierung die beeinflusst, ob Musiker*innen aus der Arbeiter*innenklasse sich der Szene zugehörig fühlen oder das Gefühl haben Zugang dazu zu haben. Dies äußert sich in Selbstzweifeln und Entfremdung. Sowohl struktureller als auch verinnerlichter Klassismus können die Teilhabe bereits in jungen Jahren und in entscheidenden Phasen der künstlerischen sowie beruflichen Entwicklung einschränken und dazu führen, dass diejenigen, die über das Sicherheitsnetz klassischer Privilegien verfügen, eher in der Lage sind, im prekären Umfeld der Szene zu bestehen.
* Wir sind uns bewusst, dass Klassismus als größtenteils unsichtbare Form der Diskriminierung nicht allein auftritt: Er wird durch andere Formen der Diskriminierung innerhalb der Szene – wie Rassismus und Sexismus – verstärkt und überschneidet sich mit diesen. Wir wollen klassistische Diskriminierung nicht über andere Formen der Diskriminierung stellen, sondern lediglich Aufmerksamkeit auf diese Dimension lenken, welche häufig übersehen oder aktiv verschleiert wird. Dies ist besonders wichtig, da der Jazz seine Wurzeln als Kunstform in der Schwarzen amerikanischen Arbeiter*innenklasse hat und aus Gemeinschaften hervorgegangen ist, die von rassistischer und wirtschaftlicher Marginalisierung geprägt waren. Die Wahrnehmung von Klassenprivilegien innerhalb der deutschen Jazz- und Improvisationsszene ist somit auch eine Frage der historischen Verantwortung: Wir müssen anerkennen, dass die institutionellen Strukturen des Jazz in Europa – in den Bereichen Bildung, Kulturförderung und Programmgestaltung – die afroamerikanischen Arbeiter*innen-Gemeinschaften, aus denen er hervorgegangen ist, systematisch ausgeschlossen haben, während sie die Musik selbst übernommen und legitimiert haben.
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Wer wir sind
Wir sind Musiker*innen der deutschen Jazz- und Improvisationsszene und haben diese AG im Sommer 2025 innerhalb der Deutschen Jazzunion gegründet. Unsere Mitglieder sind überwiegend Musiker*innen der Arbeiter*innenklasse, die Erfahrungen klassistischer Ausgrenzung teilen. Unsere Arbeit konzentriert sich darauf, das Bewusstsein für Klassismus zu schärfen, Instrumente zu entwickeln, um ihn zu erkennen und zu bekämpfen sowie Solidarität zwischen Musiker*innen, Veranstaltungsorten, Festivals und anderen Akteur*innen aufzubauen.
Unsere Ziele
- Das Bewusstsein für Klassismus innerhalb der deutschen Jazz- und Improvisationsszene schärfen, indem eine szenenspezifische Definition erarbeitet und dessen Auswirkungen auf Musiker*innen, das Publikum und den Berufsstand insgesamt untersucht wird.
- Klassistische Ausgrenzung innerhalb bestehender Förderstrukturen bekämpfen: Wir schlagen beispielsweise vor, den sozioökonomischen Hintergrund als Kategorie zu etablieren, um die statistische Diversität neben bestehenden Kategorien wie Geschlecht und Migrationshintergrund in Förderanträgen zu erfassen. Zu diesem Zweck haben wir einen konkreten Entwurf für Förderinstitutionen entwickelt.
- Entwicklung und Durchführung einer deutschlandweiten Umfrage zur Untersuchung der sozialen Herkunft und des sozioökonomischen Hintergrunds von in Deutschland lebenden und arbeitenden Jazzmusiker*innen. So sollen neue Forschungsergebnisse in die bestehende Arbeit der Deutschen Jazzunion zu den wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen des Berufsstandes eingebracht werden.
- Erarbeitung und Umsetzung konkreter Möglichkeiten, wie Musiker*innen, Veranstaltungsorte und andere Akteur*innen der Szene Künstler*innen, Publikum, Studierende und Kolleg*innen aus der Arbeiterklasse aktiv unterstützen und Solidarität mit ihnen zeigen können, um so zum Aufbau eines vielfältigeren, zugänglicheren und wirtschaftlich nachhaltigeren Umfelds beizutragen.
Was kannst du tun?
Wie können wir unsere lokalen Szenen, sowie den Jazz insgesamt zugänglicher und vielfältiger gestalten, unabhängig von unserem eigenen sozialen Hintergrund?
Bezahl was du willst/gestaffelte Preise: Um Menschen mit geringem Einkommen den Zugang zu Live-Musik zu ermöglichen sollen sie ihren Ticketpreis selbst bestimmen können. Menschen aus benachteiligten sozioökonomischen Verhältnissen können Rabatte angeboten werden (die subventionierten Preise werden durch die Besucher*innen ausgeglichen, die mehr bezahlen).
Pay it forward: Menschen mit mehr Ressourcen muss die Möglichkeit gegeben werden, ein zusätzliches Ticket zu kaufen oder den Eintritt für jemand anderen zu spenden.
Solidaritätsliste: Veranstaltungsorte können Menschen mit geringem Einkommen einen ermäßigten Solidaritätspreis anbieten. Die Namen dieser Personen werden an der Kasse auf einer Solidaritätsliste notiert.
Aufklärung und Sensibilisierung: Nimm Kontakt auf mit Schulen und informiere sie darüber, dass es möglich ist, Jazz ohne Abitur zu studieren. Ermutige Lehrer*innen dazu mit ihren Klassen zu Konzerten zu gehen sowie an Vermittlungsangeboten und Workshops teilzunehmen.
Sei transparent: Spreche offen mit Kolleg*innen über Honorare und wirtschaftliche Verhältnisse: Kollektive Transparenz über finanzielle Mittel und Lebensumstände schärft das Bewusstsein dafür, was nachhaltig ist und was nicht. Es hilft der Normalisierung schlechter Arbeitsumstände entgegenzuwirken.
Unterstützt euch gegenseitig: Tausche Wissen über Fördermöglichkeiten mit anderen aus und biete Kolleg*innen Hilfe bei der Bewältigung von Anträgen an; insbesondere denen, die mit der Sprache und den Abläufen von Institutionen weniger vertraut sind.
Erweitere Netzwerke: Suche aktiv nach Kolleg*innen mit anderem Hintergrund und empfehle sie für Konzerte und Kooperationen, anstatt dich auf bestehende Netzwerke zu verlassen – Veranstaltungsorte und Festivals können so mehr Künstler*innen aus der Arbeiter*innenklasse in ihr Programm aufnehmen.
Bleib auf dem Laufenden und sei dir bewusst darüber was du wert bist: Informiere dich über die von den Gewerkschaften festgelegten Mindesthonorarempfehlungen Nutze diese aktiv bei Verhandlungen um Gagen.