Klassismus* innerhalb der deutschen Jazz- und Improvisationsmusikszene äußert sich in Form von Diskriminierung gegenüber Menschen aus der Arbeiter*innenklasse, wobei dies meist nicht durch Vorurteile geschieht, sondern durch strukturelle und finanzielle Benachteiligung, die Normalisierung nicht offen gelebter Klassenprivilegien sowie die Aneignung und Instrumentalisierung von Erfahrungen der Arbeiter*innenklasse durch Akteur*innen innerhalb der Szene. Klassismus wirkt auch als verinnerlichte Form der Diskriminierung, die beeinflusst ob sich Musiker*innen aus der Arbeiter*innenklasse der Szene zugehörig, bzw. sie ihnen zugänglich erscheint. Dies äußert sich in Selbstzweifeln und Entfremdung. Sowohl struktureller als auch verinnerlichter Klassismus können die Teilhabe bereits in jungen Jahren und in entscheidenden Phasen der künstlerischen und beruflichen Entwicklung einschränken und dazu führen, dass diejenigen, die über das Sicherheitsnetz klassischer Privilegien verfügen, besser in der Lage sind, im prekären Umfeld der Szene zu bestehen.
Klassenidentität ist generationsübergreifend und intersektional; sie umfasst nicht nur die Einkommensituation oder ob die Eltern arbeiten, sondern auch den Beruf und den Bildungsabschluss der Eltern, den Zugang zu Bildungs- und Kultureinrichtungen, den frühen Kontakt mit Musik durch die Familie, das häusliche Umfeld, ob man Zugang zu Musikunterricht hat, die Vertrautheit mit kulturellen Normen und Räumen sowie das Selbstbewusstsein im Umgang damit (das bezeichnet man als soziales und kulturelles Kapital), vererbtes Vermögen oder Eigentum sowie finanzielle Unterstützung durch die Familie – all dies sind Formen von Klassenprivilegien.
Diejenigen, die durch Klassenprivilegien abgesichert sind, können in der prekären Struktur der „Gig Economy“ besser überleben und bestimmen letztendlich, wie sie aussieht und funktioniert. Oft normalisieren sie unbewusst gering bezahlte und unbezahlte Arbeit, während Menschen aus der Arbeiter*innenklasse an den Rand gedrängt werden: Sie verfügen über weniger Ressourcen (Zeit und Geld), um sich ihrer Kunst zu widmen, müssen neben der Musik andere Jobs annehmen, um zu überleben, oder geben den Beruf ganz auf.
Klassismus zeigt sich zudem in seinen direkten wirtschaftlichen Auswirkungen auf die Szene: Wo Klassenprivilegien nicht offen gelegt werden, werden strukturelle Vorteile systematisch als individueller Verdienst oder künstlerisches Engagement missverstanden – in Deutschland zeigt sich dies in der Idee der „Leistungsgesellschaft“ und, im weiteren Sinne, im Konzept der Meritokratie: der kulturellen Überzeugung, dass Erfolg allein auf individuellem Einsatz und Verdienst (oder Talent) beruht. Die in der Kunstszene üblichen hohen Ablehnungsquoten, verbunden mit den ständigen Anforderungen an Selbstvermarktung, Booking und das Bewerben um Förderun stellen eine unverhältnismäßig hohe Belastung für diejenigen dar, die von Klassismus betroffen sind und möglicherweise weniger Zeit und Ressourcen haben, um diese Anforderungen zu bewältigen. Die Förderstrukturen selbst können eine klassistische Barriere darstellen, da sie ein Level an kultureller Kompetenz, der Vertrautheit mit Institutionen & administrativer Kapazität erfordern, über welche Menschen aus der Arbeiter*innenklasse seltener verfügen.
Die Akademisierung des Jazz in Deutschland und Europa in den letzten Jahrzehnten hat klassenbezogene Auswirkungen gehabt: Der Zugang zu einer Jazzausbildung und die kontinuierliche Beschäftigung mit Jazz sind für Menschen, die nicht über Klassenprivilegien wie elterliche Unterstützung oder finanzielle Mittel verfügen, deutlich schwieriger; dennoch gelangt die überwiegende Mehrheit der professionellen Jazzmusiker*innen in Deutschland über eine universitäre Jazzausbildung in den Beruf. Dieser Prozess hat die Wahrnehmung von Jazz als intellektuell anspruchsvolle oder elitäre Kunstform verstärkt – unabhängig davon, ob dies zutrifft –, was das Gefühl weiter verfestigen kann, dass diese Musik nicht für diejenigen gedacht ist, die nicht bereits durch Bildung oder familiären Hintergrund damit in Berührung gekommen sind. In Verbindung mit dem Mangel an bezahlbaren Eintrittspreisen bei vielen Konzerten schränkt dies weiter ein. Es beeinflusst wer sich in der Lage oder willkommen fühlt, Jazzkonzerte und -veranstaltungen zu besuchen und sich darauf einzulassen.
Insgesamt führt Klassismus zu einer exklusiveren und weniger vielfältigen Szene und Branche, in der es Künstler*innen aus der Arbeiter*innenklasse zunehmend schwerer fällt, sich zu behaupten. Dies schränkt ihren Zugang zu Fördermitteln, Netzwerken und beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten ein, während ihre Erfahrungen und Identitäten gleichzeitig als Alibifaktor herangezogen werden. Dies trägt dazu bei dass, die schlechten wirtschaftlichen Bedingungen, mit denen die meisten von ihnen konfrontiert sind, normalisiert und aufrechterhalten werden.
* Wir sind uns bewusst, dass Klassismus als weitgehend unsichtbare Form der Diskriminierung nicht isoliert auftritt: Er wird durch andere Formen der Diskriminierung innerhalb der Szene, wie Rassismus und Sexismus, verstärkt und überlappt sich mit ihnen. Mit dieser Definition wollen wir klassistische Diskriminierung nicht über andere Formen der Diskriminierung stellen, sondern die Aufmerksamkeit auf einen Teil lenken, der häufig übersehen oder aktiv verschleiert wird. Besonders wichtig ist dies, da der Jazz seine Wurzeln als Kunstform der schwarzen amerikanischen Arbeiter*innenklasse hat und aus Gemeinschaften hervorgegangen ist, die von rassistischer und wirtschaftlicher Marginalisierung geprägt waren. Die Anerkennung von Klassenprivilegien innerhalb der deutschen Jazz- und Improvisationsmusikszene ist daher auch eine Frage der historischen Verantwortung – wir müssen anerkennen, dass die Strukturen, die sich in Europa um diese Musik herum entwickelt haben, historisch gesehen die schwarzen amerikanischen Arbeiter*innenklasse-Communities, aus denen sie hervorgegangen sind, ausgeschlossen haben.
Diese Definition ist im Rahmen der Arbeitsgruppe „Klassismus im Jazz: Eine Exploration der deutschen Szene“ erarbeitet worden.