Kernziele der Deutschen Jazzunion

Stand: 30. Januar 2026

Präambel

Jazz und Improvisierte Musik in und aus Deutschland erfahren international große Wertschätzung. Ihre vielfältigen und traditionsreichen Szenen und die vieler angrenzender sowie ineinander übergehender Bereiche wie der Pop-, Rock- und Weltmusik oder der zeitgenössischen klassischen Musik sind elementare Bestandteile unserer reichhaltigen Kulturlandschaft. Sie locken Menschen aus vielen Ländern der Welt zum Studieren, zum künstlerischen Arbeiten und zum Jazz hören und erleben nach Deutschland.

Jazz und Improvisierte Musik bereichern das kulturelle Leben und stehen zudem für viele Werte, die für ein friedliches Miteinander in unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft und in unserer globalisierten Welt unverzichtbar sind. Toleranz, Selbstbestimmung, Willensstärke, Offenheit und Neugier zählen zu diesen Werten, die in der universellen Sprache des Jazz und der Improvisierten Musik zum Ausdruck kommen und gelebt werden. Als Kunstformen wirken Jazz und Improvisierte Musik innovativ und dialogstiftend in viele gesellschaftliche Bereiche. Diese Potenziale müssen kulturpolitisch erkannt, vermittelt und strukturell gestärkt werden.

Die Lebens- und Arbeitsbedingungen für Musiker*innen dürfen dabei nicht aus dem Fokus geraten. Jazz ist, wie alle Kunstformen, grundsätzlich und zweckfrei ein schützenswertes gesellschaftliches Gut. Seine nicht zuletzt in Krisenzeiten immer deutlicher werdende gesellschaftliche Funktion und die daraus resultierende gegenseitige Verantwortung erfordern eine angemessene Vergütung für Künstler*innen und Musikpädagog*innen sowie deren verlässliche soziale Absicherung und Altersvorsorge. Voraussetzung dafür ist eine zukunftsorientierte Fördersystematik aus öffentlichen Mitteln sowie eine funktionierende Infrastruktur im Bereich der Spielstätten, der Medien, der Ausbildung und des internationalen Austauschs.

Öffentliche Kulturförderung dient der gemeinschaftlichen Finanzierung einer notwendigen gesellschaftlichen Infrastruktur und ist die zwingende Voraussetzung für ein vielfältiges Kulturangebot eines demokratischen Landes. Alle Menschen in Deutschland müssen Zugang zu diesem Kulturangebot bekommen, denn dieses prägt nicht nur die Lebens- und Wohnqualität aller Bürger*innen, sondern ist auch ein wichtiges Werkzeug in gesellschaftlich-demokratischen Diskursen und Prozessen, das zum gegenseitigen Verständnis und zu einem toleranten Miteinander beiträgt. Um künstlerischen Diskursen Spielraum zu geben, Experimente zu ermöglichen und ein Bestehen im internationalen Wettbewerb zu sichern, ist kulturpolitische Unterstützung und spezifische Förderung aus öffentlichen Mitteln für die freien Szenen im Jazz und der Improvisierten Musik unverzichtbar.

Die Deutsche Jazzunion setzt sich als Berufsverband und Interessenvertretung der Jazzmusiker*innen in Deutschland insbesondere für die folgenden Ziele ein:

Die Deutsche Jazzunion fordert eine angemessene Vergütung von Jazzmusiker*innen. Dafür braucht es ein besseres Verständnis der Lebens- und Arbeitssituation von Jazzmusiker*innen sowie von deren unternehmerischem Handeln als meist soloselbstständige Kulturschaffende. Eine angemessene Vergütung verhindert das (Über-)Leben in prekären Arbeitsverhältnissen und sichert eine grundsätzliche Rentenzahlung. Aktuell ist beides nicht gegeben.

Die Deutsche Jazzunion schließt sich seit 2025 der gemeinsam erarbeiteten Honoraruntergrenzenempfehlung des Deutschen Musikrats für den Bereich der öffentlichen Förderung von Projekten auf Bundesebene an (bei Projekten und Institutionen, die zu mindestens 50 Prozent aus Mitteln der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien (BKM) gefördert werden). Außerdem schließt sie sich der im Jahr 2024 herausgegebenen Empfehlung für den Bereich der Lehre an. Eine Aufstockung der Mittel in allen Förderinstrumenten des Bundes und der Länder ist zwingend notwendig, damit die Honoraruntergrenze baldmöglichst nach oben angepasst werden und dann nicht nur eine politische Kompromisszahl bleibt, sondern hoffentlich endlich eine angemessene Vergütung beschreiben kann. Auch außerhalb der öffentlichen Förderung muss darauf hingearbeitet werden, ein auskömmliches Einkommen als Jazzmusiker*in erwirtschaften zu können. Dazu braucht es mehr Aufklärung über die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Jazzmusiker*innen in Deutschland. Die Einführung der Honoraruntergrenze darf nicht dazu führen, dass bereits etablierte Strukturen wegbrechen und eine Leuchtturmförderung einiger weniger entsteht.

Bereits 2014 hat die Deutsche Jazzunion als erster Genreverband eine Mindestgagenempfehlung herausgegeben → Mindestgage

Die Deutsche Jazzunion sieht dringenden Handlungsbedarf bei der sozialen Absicherung von Jazzmusiker*innen. Durch multiple Krisen (u. a. Corona-Pandemie, Inflation) ist die individuelle Situation von Akteur*innen unter besonders kritischen Druck geraten, der nicht nur aktuell, sondern wie beim Thema Altersvorsorge mit mehreren Jahren Verzögerung zu großen Problemen führen kann. Darauf braucht es sozial- und kulturpolitische Antworten. Die Künstlersozialkasse (KSK) bietet Schutz in der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung und ist damit ein unverzichtbares Instrument der sozialen Sicherung auch von Jazzmusiker*innen, das weiter ausgebaut und den Anforderungen der versicherten Künstler*innen gemäß weiterentwickelt werden muss.

Sozial- und arbeitspolitische Fragestellungen zur Altersvorsorge wie eine für alle zugängliche Grundrente, Zugang zur Arbeitslosenversicherung und Kurzarbeitergeld betreffen Kunst- und Kulturschaffende in vielen Sparten gleichermaßen. Deshalb arbeitet die Deutsche Jazzunion als Gründungsmitglied der Allianz der Freien Künste in diesem Bereich eng mit vielen anderen Bundesverbänden zusammen.

Die Deutsche Jazzunion fordert zusätzlich eine offene politische Auseinandersetzung mit innovativen Ansätzen wie etwa der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens für Kunstschaffende.

www.allianz-der-freien-kuenste.de

Die Deutsche Jazzunion setzt sich für einen Ausbau der öffentlichen Förderung für Jazz und Improvisierte Musik ein und beteiligt sich an der Ausgestaltung spezifischer Förderinstrumente auf Bundesebene. Wichtiges Ziel ist, dass Musiker*innen im Jazzbereich mit ihren Projekten nicht in eine strukturelle Förderlücke zwischen den einerseits eher zeitgenössisch-experimentell und andererseits stärker wirtschaftlich-kommerziell ausgerichteten Programmen fallen.

Mit dem Musikfonds als Bundesfonds für zeitgenössische Musik, dem Spielstättenprogrammpreis APPLAUS sowie dem Deutschen Jazzpreis sind unter maßgeblicher Mitwirkung der Deutschen Jazzunion wichtige Verbesserungen für die Umsetzung und internationale Sichtbarkeit von Jazz und Improvisierter Musik auf den Weg gebracht worden.

www.musikfonds.de  www.deutscher-jazzpreis.de

Auch die Förderprogramme der Initiative Musik sind wichtige Bausteine für eine zeitgemäße Förderlandschaft. Allerdings hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass ihre Struktur für den Bereich Jazz und Improvisierte Musik nicht passgenau ist. Wir fordern deswegen eine Reformierung der Initiative Musik und ihrer Förderprogramme. Dazu gehören unter anderem eine verbesserte Aufsichtsrat- und Jurystruktur inkl. angemessener Jazzrepräsentanz, um den Förderzielen auch im Bereich Jazz und Improvisierte Musik gerecht werden zu können.

www.initiative-musik.de

In allen für den Jazzbereich relevanten Institutionen und Gremien, die über Fördermittel oder konkrete Rahmenbedingungen entscheiden, müssen Jazz-Expert*innen und insbesondere professionelle Jazz-Musiker*innen in ausreichender Anzahl und Vielfalt stimmberechtigt vertreten sein. Dazu zählen beispielsweise die GEMA, die KSK, die GVL, die Initiative Musik oder das Goethe-Institut.

Jazzmusiker*innen aus Deutschland erfahren weltweit große Anerkennung und übernehmen vielfach Aufgaben als kulturelle Botschafter*innen Deutschlands. Um die internationale Sichtbarkeit weiter zu erhöhen, brauchen wir ein unbürokratisches und schnelles Exportförderprogramm – vergleichbar mit den Programmen vieler europäischer Nachbarländer. Die vorhandenen Tourneeförderprogramme der Initiative Musik und des Goethe-Instituts reichen dafür nicht aus und müssen unabhängig von ihrer Ausstattung unter Einbeziehung entsprechender Expertise stärker auf die Belange von Jazzmusiker*innen ausgerichtet werden und in eine zeitgemäße Form gebracht werden. Es braucht eine gesicherte, jazzspezifische Exportstrategie, die ohne weitere Mittelkürzungen institutionell etabliert wird.

Jazz muss, wie alle Kulturformen, als Daseinsfürsorge verstanden und als Teil der öffentlichen Infrastruktur finanziert werden – nicht als „freiwillige Leistung“. Hier stehen im föderalen System explizit die Länder und Kommunen in der Pflicht. Dem Bund kommt eine besondere Rolle hinzu, um gezielt in strukturschwache Regionen zu fördern und etwaige Dysbalancen auszugleichen.
Projekte und Spielstätten für Jazz und Improvisierte Musik müssen langfristig gefördert werden um eine nachhaltige Infrastruktur und damit Erwerbsmöglichkeiten für Musiker*innen und VeranstalterInnen darzustellen Dazu müssen Wege abseits von kurzfristigen Projektförderungen hin zu mehrjährigen Förderperspektiven gefunden werden.

Die Deutsche Jazzunion setzt sich für die verbesserte Sichtbarkeit von Jazzmusiker*innen und ihrer Musik auf internationaler Ebene sowie in der deutschen Politik-, Kultur- und Medienlandschaft ein. Um die Interessen der Akteur*innen durchzusetzen, braucht es eine breite, öffentliche Wahrnehmung des Jazz sowie der Notwendigkeiten und Probleme des Berufsfeldes.

Überall dort, wo sich Kultur im öffentlichen Raum präsentiert, müssen Jazz und Improvisierte Musik selbstverständlich einen der Bedeutung dieser Kunstform angemessenen Platz einnehmen.

Ein wichtiger Aspekt ist, dass Jazz und Improvisierte Musik in allen Medien erhalten bleiben und zukünftig wieder stärker vertreten sein müssen, als dies aktuell der Fall ist. Dem medialen Wandel muss Rechnung getragen werden und es muss an der Schaffung neuer Felder gearbeitet werden, um Jazz und Improvisierte Musik im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu halten.

Insbesondere im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und überall dort, wo öffentliche Gelder Verwendung finden, müssen der Bildungsauftrag und ein entsprechend anspruchsvolles Angebot den klaren Vortritt vor reichweiten- oder gewinnorientierten Ansätzen haben und behalten.

Die Deutsche Jazzunion betrachtet den fortschreitenden Stellenabbau im Bereich der Jazzredaktionen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit großer Sorge. Rundfunkanstalten müssen angemessene Sendeplätze zur Verfügung stellen, um Jazz und Improvisierte Musik ihrem kulturellen Stellenwert entsprechend zu präsentieren. Dies erfordert ausreichende Personalressourcen und spezifische Kompetenzen in den Redaktionen.

Für die Sichtbarkeit des Jazz in Deutschland braucht es Zentren, in denen die Musik präsentiert und vermittelt werden kann, die aber auch als Forschungszentren und Vernetzungsstätten fungieren. Die Deutsche Jazzunion fordert, dass die Politik sich weiterhin für die Entwicklung und Verortung eines Zentrums für Jazz und Improvisierte Musik mit Standort Berlin bekennt und die begonnene Finanzierung des Vorhabens verstetigt.

Jazz und Improvisierte Musik gehören zu unserer Kulturtradition und müssen für alle Menschen gleichermaßen zugänglich sein. Die frühe Auseinandersetzung mit Jazz und Improvisierter Musik als Kunstform und Kulturtechnik hat einen wichtigen pädagogischen Wert und muss stärker in den Lehrplänen der allgemeinbildenden Schulen verankert werden.

Hochwertige Vermittlungsformate und Workshops für Kinder, junge Menschen und marginalisierte Gruppen mit dem Schwerpunkt Jazz und Improvisierte Musik gehören überall ins Programm der öffentlich geförderten Kulturstätten. Auch Schnittstellen zwischen Jazzvermittlung und anderen pädagogischen Bereichen wie der politischen und kulturellen Bildung müssen gezielt gefördert werden.

Die Deutsche Jazzunion setzt sich für eine Verbesserung der Arbeitsverhältnisse in der Lehre an Musikhochschulen und Musikschulen ein. Länder und Kommunen müssen sichere Arbeitsplätze im musikpädagogischen Bereich schaffen und Jazzpädagog*innen ein angemessenes Einkommen aus ihrer Arbeit ermöglichen.

Dafür braucht es eigene Förderprogramme des Bundes und der Länder, die pädagogische und vermittlerische Inhalte gezielt fördern.

Die Ausbildung an Hochschulen muss immer wieder überprüft und an die spätere Berufsrealität angepasst werden. Die Deutsche Jazzunion unterstützt an dieser Stelle mit Workshopformaten im Bereich der Professionalisierung.

www.urheber.info

Jazz und Improvisierte Musik finden immer im gesellschaftlichen Raum statt und reflektieren diesen ästhetisch. Die aktive Mitgestaltung der gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen für die Berufsausübung von Jazzmusiker*innen ist deshalb ebenso Kerninteresse der Deutschen Jazzunion wie die Weiterentwicklung der künstlerisch-kulturellen Diskurse.

Vor dem Hintergrund globaler Herausforderungen, wie dem Klimawandel und politischer Instabilität, ergibt sich daraus auch eine besondere Verantwortung im Sinne ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit. Die Deutsche Jazzunion betrachtet Bestrebungen wie die Gleichstellung von Menschen jeglichen Geschlechts, die Bekämpfung von Diskriminierungen in allen Erscheinungsformen und einen ressourcenschonenden Umgang als übergeordnete Anforderung an jedes individuelle und gesellschaftliche Handeln. Vor diesem Hintergrund müssen Förderinstrumente auch ein nachhaltiges Handeln von Musikschaffenden ermöglichen und fördern.

Die Deutsche Jazzunion setzt sich für ein friedliches und wertschätzendes, von Diversität belebtes gesellschaftliches Miteinander ein und lehnt jede Form von politisch, religiös oder weltanschaulich motiviertem Extremismus ab. Jazz und Improvisierte Musik leisten wie auch andere Kunstformen einen maßgeblichen Beitrag zu einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft, zum internationalen Dialog und zur Verständigung zwischen Kulturen.